Gedichte

WALDSTERBEN
 
Hände streichen über rauhes Holz⁠ Raschelndes Laub unter den Füßen⁠
Der Duft des Waldes⁠ nach einem Regenschauer⁠ ⁠
 
Erinnerungen an den Kindergarten⁠
Pflügen durchs Unterholz⁠
Große Augen untersuchen ⁠
Dreck und Wurm im Lupenglas⁠ ⁠
 
Braun bricht sich die Bahn⁠
trockenes Holz, wo früher Blätter waren⁠ Zweige brechen im entwurzelnden Wind⁠
Der Duft nach Regen längst vergessen⁠

Tote Wurzeln starren mir entgegen⁠
Könige liegen entthront⁠
Ihre Krone längst zerbrochen⁠
Untertanen vor Schreck verkrochen⁠ ⁠
 
Lange geht es schon⁠; es bleibt nicht hier⁠
in der blinden Gier entsteht Konformität,⁠
in der kein Leben mehr steht⁠ ⁠
 
Baum um Baum, Tier um Tier⁠
Vorwärts dreht sich das Rad⁠
bis nichts mehr so ist, wie es war⁠
damit alles so blieb, wie wir es kannten⁠
LEBENSFREUDE
 
Es gibt diese großen kleinen Momente⁠
In denen Freude durch den Körper strömt und sich Bahn nach außen bricht⁠
In denen Herzen Harmonien bilden und Seelen sich verbinden⁠
In denen Gemeinsamkeiten geteilt werden und wir von innen leuchten⁠
In denen wir uns in der Lebensfreude auflösen⁠
In denen wir im Wasser unseres Ozeans aus tausend schönen Tropfen schwimmen⁠
Und wir wissen, dass unser geteiltes Sein nicht nur tröstet, sondern Grund zum Feiern ist⁠
HEILE WELT

Komm, ich bau dir eine heile Welt
In der keine Sorgen existieren
Gib mir deine Lasten
Und sei für eine Zeit unbeschwert
Wärm dich mit Decke und Tee
Schmieg dich an meine Brust
Alles ist gut, hier gibt es nur Ruhe.
UNSERE RUHE IM STURM
 
Streifen durch ereignislose Tage⁠
Voller Glück und Vorfreude⁠
Lieben unsere Ruhe im Sturm⁠
Geborgenheit im Zentrum unseres Seins⁠
Begleitet von Träumen, Hoffnung und Sicherheit⁠
AMANDA GORMAN
 
Und dann standest du da⁠
Leuchtend wie die Sonne⁠
Strahlend liebender Stolz⁠
Und ich lausche deinen Worten⁠
Goldene Schauer regnen⁠
Und plötzlich wird es möglich⁠
Unsere neue Welt⁠
Glänzende Zukunft⁠
Trag mich fort auf deinen Wellen⁠
Und lass mich in ihnen Wurzeln schlagen⁠
Während der Himmel greifbar wird⁠
Glücksberauschte Widrigkeiten schweigen ehrfürchtig⁠
Für den Moment aufgeschoben⁠
In eine Zeit, die wir nicht besuchen werden.⁠

ZUTRITT VERBOTEN

 
Du kannst hier nicht rein⁠
Deine Befugnis endet hier⁠
Zutritt verboten⁠

Das hier ist mein Bereich⁠
Hier bin nur ich⁠
Und die, die sind wie ich⁠

Für dich ist kein Platz hier⁠
Dein Anderssein stört unsere Ordnung⁠
Zutritt verboten⁠
.⁠

BRÜCKEN BAUEN

Komm, wir bau’n uns eine Brücke⁠
Auf zu neuen Ufern⁠
Auf zu neuen Abenteuern⁠
Auf zu neuem Leben⁠

Komm, wir bau’n uns eine Brücke⁠
Auf zu neuen Ländern⁠
Auf zu neuen Menschen⁠
Auf zu neuen Freunden⁠

Komm, wir bau’n uns eine Brücke⁠
Eine Brücke zwischen „uns“ und „euch“⁠
Eine Brücke zwischen „mir“ und „dir“⁠

Eine Brücke für mehr Herzlichkeit⁠
Eine Brücke für mehr Menschlichkeit⁠
Eine Brücke für uns alle.⁠

SEHNSUCHT

das herz trennt sich vom verstand
geht auf seine eigene reise
sehnsucht nach besseren zeiten
aufbruch in ein neues jahr
schöner, näher, besser
lass die sorgen zurück
treib von einem glück ins andere
dankbar für das, was ist
dankbar für das, was kommt
endlich wieder lachen
endlich wieder tanzen
endlich wieder leben

TIERSTERBEN

Millionen sterben jeden Tag,⁠
„das haben wir schon immer so gemacht“⁠ Raffinierte Maschinerie steigert den Ertrag⁠ der Produkte, die eben noch lebten.⁠ ⁠

Ausbeutung, Ausblutung⁠
Schlachthaus, Kaufhaus⁠

Das Nutztier beruhigt das Gewissen,⁠
wenn wir neben unserem Haustier sitzen⁠
und empörte Kommentare schreiben⁠ unter Fotos,
die gequälte Hunde zeigen⁠ ⁠

Fortschritt, Kehlenschnitt⁠
Verarbeitung, Verdrehung⁠ ⁠

Am Tisch schlechte Witze gerissen⁠
in Scheiben liegt geschnitten⁠
die Zukunft auf dem Teller angebissen⁠ dekoriert mit ein paar fetten Fritten⁠ ⁠

Tierleid, Tierwohl⁠
Verstecken, Ersticken⁠ ⁠

Selbst belogen an Idylle glaubend⁠
muss man sich nicht rechtfertigen⁠
das übernimmt schon die Gesellschaft⁠
die mit Eifer sucht, was Leiden schafft⁠

Prognosen, Zoonosen⁠
Illusion, Frustration⁠ ⁠

Und während all das geschieht⁠
abstumpfend wegen des Grauens⁠
spiele ich ne Runde Bullshit Bingo⁠
mit dem Metzger des Vertrauens⁠

WÄR‘ SO GERN EIN HIPPIE?

Dreckiger Schnee knirscht unter meinen Füßen⁠
Meine Nase friert, in einer Straße bellt ein Hund⁠
Gerade wieder Nachrichten gesehen⁠
Von hungernden Menschen,⁠
Von fliehenden Menschen und⁠
von bösen Menschen⁠

Sehne mich in eine Zeit zurück, ⁠
in der alles besser war⁠
bin zu spät geboren⁠
Wär ich wohl ein Hippie gewesen⁠
der sich in der Sonne dreht⁠

Wär‘ das wirklich besser?⁠
Im Kalten Krieg⁠
Demselben Rassismus⁠
Derselben Ungerechtigkeit⁠
in anderem Gewand?⁠

Wieso mal‘ ich heute alles schwarz?⁠
Und das Gestern nur in weiß?⁠
Bleibt uns das Arbeiten für eine hellere Zukunft.⁠

Während meine Gedanken streifen⁠
Blicke ich in den schneetreibenden Himmel⁠
und eine Schneeflocke fällt mir auf die Nase.⁠

NAGASAKI

Nach Stunden der Stille tanzten in
Amerika Menschen zu Manövern im Dunkeln, von
Ganz weit oben sah man nur graue Wolken
Aus denen bald tödlicher Regen fiel
Schweigen kommt heut von den fetten Männern
An deren Tischen gut gedeckte Gier regiert, sind sie
Kaum noch bei Bewusstsein, bald treibend
Im Pazifik zwischen Vietnam und Tinian

ZEITBOMBEN

Ich halte eine Zeitbombe in den Händen⁠
Der Docht gezündet und sich selbst verkürzend⁠
Sie wurde mir übergeben⁠
Ich habe sie nicht gemacht⁠
Ich habe sie nicht gewollt⁠
„Hilf mir, sie zu entschärfen!“⁠
Verhallende Rufe⁠
Geringschätzende Blicke⁠
Ich gucke nach links⁠
Ich gucke nach rechts⁠
Neben mir wie Spiegel⁠
Menschen, die Zeitbomben in den Händen halten⁠
Wir gucken nach oben⁠
Löschversuche laufen ins Leere⁠
In meiner Reihe Tränen und Wut⁠
Wir kommen nicht hinterher⁠
Denn die Bomben stammen nicht von uns.⁠

SELBSTVERGESSEN

diese sehnsucht in uns⁠
diese sehnsucht nach uns⁠
tanzen miteinander, ineinander⁠

Wenn die Nähe nicht genug ist⁠
und wir durch die dunkelheit⁠
fliegen, taumeln, tanzen⁠
kein du, kein ich, nur uns⁠

entgleiten der realität⁠
in etwas, das nur wir ganz füllen⁠
verschwinden aus der welt⁠
aus uns selbst⁠
in uns selbst⁠
bis wir uns selbst vergessen⁠

SELBSTVERGESSEN

diese sehnsucht in uns⁠
diese sehnsucht nach uns⁠
tanzen miteinander, ineinander⁠

Wenn die Nähe nicht genug ist⁠
und wir durch die dunkelheit⁠
fliegen, taumeln, tanzen⁠
kein du, kein ich, nur uns⁠

entgleiten der realität⁠
in etwas, das nur wir ganz füllen⁠
verschwinden aus der welt⁠
aus uns selbst⁠
in uns selbst⁠
bis wir uns selbst vergessen⁠

HANNOVERLIEBT

Laufe heute durch die Stadt⁠
Sie hat ein neues Kleid an⁠
Kinder lachen⁠
Eltern ziehen⁠
Schlitten hinter sich her⁠
Bin verliebt in diese Stadt⁠
und vermiss sie doch so sehr⁠
Auf dass wir uns⁠ bald in Gänze⁠
wieder in die Arme fallen

HIROSHIMA

Horror hallt noch durch die Lande
In denen die Mutter küsste
Rote Tropfen folgen roten Funken an den
Orten, wo der Dampf nicht reichte. Dort liegen
Silberplatten zwischen den Ruinen
Hinter verbranntem Stein spielt der kleine Junge
Immer ein Bild der Unschuld lauernder Gefahr
Manchmal zeigt die Uhr acht fünfzehn wenn ein
Alter Kranich über alte Mauern fliegt.

REPEAT

Seit Monaten fließen die Tage durcheinander⁠
《 Repeat《⁠
Gefangen in meinem Kopf, der die Tage kaum noch füllen kann⁠
《 Repeat《⁠
Sport, Schreiben, Geige⁠
《 Repeat《⁠
Kochen, waschen, aufräumen⁠
《 Repeat《⁠
Wann hat es seinen Sinn verloren?⁠
《 Repeat《⁠
Kopf, hoch. Weiter geht’s.⁠
《 Repeat《⁠
Wo bin ich? Ich dreh mich im Kreis⁠
《 Repeat《⁠
Sport, Schreiben, Geige⁠
Kochen, waschen aufräumen⁠
《 Repeat《⁠
Wann⁠
《 Repeat《⁠
Geht⁠
《 Repeat《⁠
Es⁠
《 Repeat《⁠
Endlich⁠
《 Repeat《⁠
Weiter⁠
《 Repeat《⁠

GEMÜTLICHE DUNKELHEIT

Tee dampft in ruhiger Gelassenheit vor sich hin
Unter der Decke kuscheln die Füße heimlich mit der Wärmflasche
Der Kopf erhellt vom Kerzenlicht
Schmiegt sich langsam in die Zeit

Bewegungslose Ruhe zieht sich durch Abende
In denen Bücher uns verschlingen
Während das Herz sich nach helleren Zeiten sehnt,
in denen man melancholisch an die gemütliche Dunkelheit denkt⁠

NEBEL IM HIRN

Ich wach auf⁠
hab Nebel im Hirn⁠
wate durch meine⁠
Gedanken wie Matsch⁠
Bildschirme schreien mich an⁠
hab’s ja selbst so ausgesucht⁠
Nebel wird dichter⁠
nimmt mich mit⁠
färbt mich grau⁠

DER WIND TRÄGT MEIN HERZ

Der Wind trägt mein Herz
weg von hier
zurück zu mir
trägt es hoch
spielend, sanft
fühl das Glück
auf dem Weg
zu mir
vielleicht zu dir

ZWISCHEN ZWEI ZEITEN

zwischen gestern und morgen
zwischen eben und gleich
zwischen Altem und Neuem
zwischen Wandel und Stillstand
schwebend zwischen zwei Zeiten
genau da will ich sein