Shavasana

Mittwoch Abend, 20 Uhr.

Ich liege auf meiner Yoga-Matte, atme ruhig und spüre, wie manche der Haltungen in meinen Muskeln nachhallen.
„Für unsere Schlussentspannung schließen wir die Augen und lassen einfach los“, tönt es aus meinem Laptop.
„Der Atem wird flacher und der Körper ganz schwer.“
Langsam sinke ich in mein Inneres, fühle wie die Energie durch meinen ganzen Körper strömt. Anspannungen und Gedanken fließen davon. Ich fliege durch den Raum in meinem Körper, ruhig und entspannt.

Wärmflasche.
Was?
Wärmflasche. Wo ist die eigentlich? Du wolltest dir noch eine Wärmflasche machen, bevor du dich gleich aufs Sofa setzt. Du weißt doch, wie deine Füße immer frieren.
Einatmen, ausatmen. Die Wärmflasche ist im Bett. Aber ich bin im Jetzt und Wärmflaschen interessieren hier nicht. Die sind im Gleich.
Na schön.
Endlich Stille. Die Schwerkraft legt sich wie eine Decke auf mich. Ich bin ein stiller See.
Einatmen, ausatmen.

Dein Bauch sah beim Boot aber auch ganz schön schwabbelig aus, oder?
Wie bitte?!
Na ist doch wahr. Guck dir doch mal die Lehrerin an. Kein Röllchen, egal wo man hinguckt.
Wir haben doch gesagt, wir wollen weg von solchen Einstellungen. Das was mein Körper leistet und nicht, wie er dabei aussieht, erinnerst du dich? Außerdem haben alle in irgendeiner Position irgendwelche Röllchen.
Hast ja recht.

Einatmen, ausatmen. Gedanken sind wie kleine Luftballons. Loslassen und beim davonschweben zugucken.

Darf ich dich nochmal an die Wärmflasche erinnern?
Nein.
Aber die ist wichtig! Stell dir mal vor, du guckst gleich die Doku über Eisbären ohne Wärmflasche. Das geht doch nicht!

Hallo?

Was soll denn das jetzt?
Ich ignoriere dich.
Aha.

Einatmen. Ausatmen. Punkt zwischen den Augenbrauen entspannen.

Sag mal, glaubst du eigentlich, die Leute interessiert überhaupt, was du da zusammenschwurbelst?
Ich mach das nicht für die Leute. Ich mach das für mich. Weil ich Spaß dran hab.
Hmm. Sag das mal der Häufigkeit, mit der du dein Instagram checkst.
Halt die Klappe.
Kein Grund, gleich fies zu werden.
Außerdem solltest du mal wieder was richtiges schreiben.
Was meinst’n damit jetzt?
Naja, einen ganzen Text halt und nicht nur ein paar Zeilen für jeden Post. Das zählt doch nicht.
Hab‘ ich doch vor. Das mit den Trollen, das wird doch bestimmt ganz niedlich. Außerdem mag ich meine Paarzeiler. So schreibe ich wenigsten wirklich regelmäßig.
Sagst du dir jetzt auch schon seit drei Tagen. Und du hast Word noch nicht mal geöffnet. Weil du selbst genau weißt, dass dir einfach keine gute Geschichte eingefallen ist.
Ja, passiert halt! Lass mich.

Du könntest doch über das hier schreiben.
Über was?
Über mich!
Oh ja, was eine klasse Idee. Das wird ein toller Text. Ich kann mich nicht entspannen, was eine Prämisse.
Immer dieser Zynismus. Wär‘ doch bestimmt ganz lustig. Wahrscheinlich besser, als das mit den Trollen.
Wenn ich das mache, gibst du dann endlich Ruhe?
Wahrscheinlich nicht. Du brauchst ja Ideen, die du in dem Text verbraten kannst.
Hmmm.
Einatmen, ausatmen. Einatmen, aus-

Sag mal, wie lang geht diese Shavasana eigentlich noch?
Ach auf einmal redest du mit mir?
Ja, hab‘ aufgegeben. Also, wie lange noch?
Keine Ahnung. Warum?
Weil du dann endlich die Klappe hältst.
Blödsinn, du hörst mich dann nur nicht.
Auch gut.

„Und wir kommen langsam wieder aus unserer Tiefenentspannung zurück. Bewegen vorsichtig unsere Hände und Füße und bringen uns zurück in den Raum.“
Endlich. Während Hand- und Fußgelenke kreisen, komme ich langsam in die Realität zurück.
„Und nun bedank dich einmal bei dir selber, dass du dir heute die Zeit für diese Yoga-Einheit genommen hast“.
Zwei tiefe Atemzüge und ich öffne die Augen, stehe auf und strecke mich. Mein Blick fällt aufs Bett.

Vergiss deine Wärmflasche nicht.

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