Wer ist Patrick Bateman?

Im Jahr 2000 erschien die Verfilmung des kontroversen Romans „American Psycho“, der 1991 von Bret Easton Ellis geschrieben wurde.
Die Frage nach der Identität des Protagonisten steht im Zentrum des Psychothrillers:

Wer ist Patrick Bateman?

Hello, Mr. Bateman

Der Film eröffnet mit einer Szene in einem hochklassigen Restaurant, in dem Bateman mit einigen anderen Männern sitzt. Sie reden zunächst über Oberflächlichkeiten, Kleidung, beschweren sich über das Restaurant. Bateman ist währenddessen schweigsam und beteiligt sich nicht an den sexistischen und materialistischen Kommentaren. Als einer seiner Bekannten anfängt, antisemitische Kommentare über einen Kollegen fallen zu lassen, stellt sich Bateman, wenn auch nicht sehr intensiv, gegen ihn.

Während dies sofort die soziale Umgebung charakterisiert, in der sich Bateman bewegt, stellt dies ihn allerdings als jemanden dar, der nicht alle Charakteristika dieser Gruppe teilt, sondern zu seinen eigenen Idealen steht.

Kurz darauf wechselt die Szene zum Besuch eines Nachtclubs. Bateman bestellt etwas zu Trinken an der Bar. Er versucht, mit einer Art Chip zu bezahlen. Auf die Widerworte, dass er Bar bezahlen müsse, reagiert Bateman mit den Worten

„You’re a fucking ugly bitch. I want to stab you to death, then play around with your blood.”

Dies tut er aber erst, als die Bartenderin sich von ihm abgewandt hat und sich außerhalb seiner Hörreichweite befindet. Kaum, dass sie wieder mit ihm interagiert, scheint sein Kommentar nie passiert zu sein.

Dieser Kontrast innerhalb der ersten fünf Minuten setzt die Atmosphäre und die Logik für den restlichen Film. Die Konfrontation mit zwei gegensätzlichen Verhaltensweisen, und das Verständnis dieser zwei gegensätzlichen Identitäten, ist der zentrale Konflikt des Films.

Zwischen Maske und Wahnsinn

Einen ersten Anhaltspunkt dafür, wie dieser Kontrast zu interpretieren ist, findet sich in der Darstellung von Batemans Morgenroutine. Während er seine Gesichtsmaske entfernt, enthüllt er uns gleichzeitig den Schlüssel zu seiner Identität: Es gibt sie nicht.

There is an idea of a Patrick Bateman, some kind of abstraction, but there is no real me, only an entity, something illusory. And though I can hide my cold gaze and you can shake my hand and feel flesh gripping you and maybe you can even sense our lifestyles are probably comparable: I simply am not there.

Patrick Bateman ist keine Person, keine Persönlichkeit, mit der wir normalerweise umgehen. Patrick Bateman ist eine Idee, eine Fassade, keine greifbare Identität.

Der immer wieder auftretende Gegensatz zwischen den zu Beginn vorgestellten Verhaltensweisen ist der Konflikt zwischen dieser Fassade und des fehlendes Inhalts, des eigentlichen „Hauses“, wenn man so möchte.

Seine Morgenroutine und die Besuche in den Schönheitssalon dienen der Verschleierung dessen, dass diese Maske immer wieder Risse bekommt, durch die der Wahnsinn und die Paranoia seiner Leere herausdringen. Die Wahrung der Oberflächlichkeiten verbergen den „American Psycho“, der bei den Gewalttaten die Kontrolle übernimmt.

Die Erschaffung der Fassade orientiert sich nicht nur an seinem direkten Umfeld, das er zu imitieren versucht, sondern hat seine Vorbilder auch aus dem Fernsehen. Zwei mal werden zunächst im Fernsehen laufende Hintergrundvideos später von Bateman nachgestellt: Einmal ist es ein Porno, der im Hintergrund läuft, während er telefoniert, ein anderes Mal wird Texas Chainsaw Massacre, das während seiner Crunches läuft,zur Realität, als er Christine mit einer Kettensäge durch das Haus jagt.

Der Teufel steckt im Detail

Um seine Maske zu perfektionieren, zählt jedes Detail. Das zeigt sich schon in seiner Morgenroutine. Der Fokus auf ein perfektes Aussehen ist Teil des Erschaffens der Illusion. Jeden Morgen benutzt 10 verschiedene Produkte, um sich herzustellen. Trotz seines jungen Alters sind zwei davon Anti-Aging Produkte.

In the morning, if my face is a little puffy, I’ll put on an ice pack while doing my stomach crunches. After I remove the icepack, I use a deep pore-cleanser lotion. In the shower, I use a water-activated gel cleanser, then a honey-almond body scrub, and on the face an exfoliating gel scrub. Then I apply an herb mint facial masque which I leave on for ten minutes while I prepare the rest of my routine. I always use an after-shave lotion with little or no alcohol because alcohol dries your face out and makes you look older. Then moisturizer, then an anti-aging eye balm, followed by a final moisturizing „protective“ lotion

Die Bedeutung von Details in Batemans sozialem Gefüge zeigt sich in beinahe jeder Szene. Dabei sind sie nicht nur in Batemans Wahrnehmung von Bedeutung, sondern auch für alle anderen. Sei es, wer welchen Anzug von welcher Marke trägt, Kleinigkeiten beim Haarschnitt oder welchen Font und Weißton die Visitenkarten haben. Sie sind so sehr in sich selbst versunken, dass sie gar nicht mehr wahrnehmen, dass sie im Grunde alle gleich aussehen – sowohl die Visitenkarten, als auch die Menschen, die zu ihnen gehören.

Bedeutung der Unversehrtheit von Oberfläch(lichkeit)en wird ebenfalls durch die Dringlichkeit symbolisiert, mit der Bateman immer wieder Untersetzer „in letzter Sekunde“ unter Gläser schiebt. Ein Schaden des Erscheinungsbild ginge einher mit sofortigem Wertverlust.

Konformität und Macht

Das Erschaffen seiner Fassade ermöglicht Bateman nicht nur zu verheimlichen, dass er keinerlei eigene Identität besitzt. Durch die Konformität, die ihm dieses Fehlen ermöglicht, gehört er zu dem sozialen Kreis der Wallstreet.

Batemans Bekanntschaften zeichnen sich, genau wie er selbst, nicht durch Individualität, sondern durch Konformität aus. In dieser Umgebung bedeutet Konformität allerdings nicht, sich auf der gleichen Ebene zu begegnen, sondern ein ständiges Streben nach Überlegenheit durch das Austragen von Rivalitäten und den Vergleich von Statussymbolen. Die Macht über andere zu gewinnen ist in dieser Gruppe das höchste Ziel.

Bateman wird durch seine ausgesuchte und geplante Konformität zum Spiegel seines „Freundes“kreises. Seine Austauschbarkeit wird durch die vielen Verwechslungen und das gleiche Aussehen noch unterstrichen.

Seine Kollegen sowie Bateman selbst sind geprägt von einem patriarchalem Sexismus, von Homophobie und raubtierhaftem Hierarchiedenken, untermauert von den Verhaltensweisen toxischer Männlichkeit.

Sexismus

Batemans Verhältnis zu Frauen ist von klaren Machtverhältnissen geprägt. Jean ist seine Sekretärin, Courtney (seine Affäre) steht dauerhaft unter dem Einfluss von Drogen und die restlichen weiblichen Begegnungen sind zum Großteil Prostituierte, über die er aufgrund seines Geldes bestimmen kann. Frauen sind in seiner Wahrnehmung weniger Menschen mit Persönlichkeit als vielmehr Besitz über den er verfügen kann. Er bestimmt, was Jean zur Arbeit tragen soll, was Courtney im Restaurant zu essen bestellt und wie sich die Prostituierten zu verhalten und zu nennen haben.

Auch Sex selbst ist für Bateman nur ein Mittel zur Machtausübung. Entweder zur Befriedigung seines Narzissmus oder seiner sadistischen Triebe.

Die einzige Ausnahme dieses Verhaltens bildet seine „Verlobte“, allerdings nicht in dem Sinne, dass er ihr mit Respekt oder Liebe begegnen würde. Er kann sein Machtspiel nicht in derselben Weise auf sie ausweiten, weil das das Spiel an sich gefährden würde. Ihr Vater Chef der Firma ist, bei der er arbeitet. Dadurch muss er sich darauf „beschränken“ ihr gegenüber gefühlskalt und beleidigend zu sein.

There is no girl with a good personality.

Die Bedeutung der Details

Innerhalb des Kreises der Kollegen sind es die Details, über die die Rangkämpfe ausgetragen werden, weswegen Bateman auf diese extrem auf sie achtet. Die Rivalitäten führen zu einer ständigen Anspannung, die bei Bateman in einer zwanghaften Überlegenheit endet, einer Paranoia, dass jemand ihn übertrumpfen könnte. In jeder Situation versucht er, seine Position in der Gruppe aufrecht zu erhalten und niemandem unterlegen zu sein. Dazu gehört ebenfalls das Ablehnen jeglicher Gemeinsamkeiten mit Personen, die er als „unter seinem Niveau“ empfindet. So sagt er einem Obdachlosen, bevor er ihn umbringt

I don’t have anything in common with you. Do you know what a fucking loser you are?

und leugnet sein Gefallen an Huey Lewis and the News, sobald Detective Kimball erzählt, dass er die Band ebenfalls gerne hört.

Die wohl ikonischste Szene in diesem Zusammenhang ist diejenige, in der Bateman und seine Kollegen die Visitenkarten vergleichen. Ausgelöst wird diese ebenfalls aufgrund der Unterlegenheit Batemans gegenüber Paul Allen. Diese versucht er durch das Zeigen seiner neuen Karte auszugleichen. Allerdings scheitert er, da er die Karten der anderen eleganter findet als seine eigene und zu allem Überfluss auch von Paul Allens Visitenkarte „geschlagen“ wird. Die Ironie dieser Szene liegt zum Großteil darin, dass alle dieser Karten beinahe identisch aussehen, was die eigentliche Bedeutungslosigkeit der Auseinandersetzung deutlich macht. Dies wird weiter durch folgendes Detail unterstrichen: Obwohl alle Beteiligten offensichtlich viel Wert auf das Aussehen der Karten legen, ist auf jeder einzelnen die Berufsbezeichnung „Mergers and Acquisitions“ falsch geschrieben – das „c“ in Acquisitions fehlt.

Mord als Machtinstrument

Paul Allen ist die Person in Batemans Existenz, die er nicht übertrumpfen kann. Allen hat den Fisher Account ergattert, eine bessere Visitenkarte, eine exquisiter positionierte und eingerichtete Wohnung und das wohl schlimmste von allem: Er bekommt Reservierungen im Dorsia, das Restaurant, dessen Reservierungen praktisch einen Freifahrtsschein zur Überlegenheit bedeuten.

Der erste Mord, den wir Bateman begehen sehen, geschieht direkt nach der Szene des Kartenvergleichs. Batemans Position ist durch die Überlegenheit Paul Allens untergraben worden. In einer Gasse trifft er auf einen Obdachlosen mit seinem Hund. Zunächst etabliert Bateman seine überlegene Position und die Abhängigkeit des Obdachlosen von seiner Hilfe. Schon dadurch entsteht in der kurzen Beziehung eine immenses Machtgefälle, das allerdings nur ein Vorspiel für das ultimative Machtinstrument des Mordes bleibt.
Später wird Batemans Unterlegenheit während des Essen mit Paul Allen (der ihn für Marcus Halberstram hält), noch deutlicher. Letztendlich beleidigt Allen Bateman als Verlierer. Bateman wird klar, dass er Allen nie wird schlagen können, weswegen er ihn in der nächsten Szene ermordet:

BATEMAN
(Raising the ax and screaming)
Try getting a reservation at Dorsia now, you fucking stupid bastard!

LOW ANGLE ON BATEMAN as he beats Allen with the back of the ax.

BATEMAN
(Panting)
Fucking bastard…

Die ständigen Rivalitäten, die zur Konformität der Gruppe dazugehören, führen bei Bateman zu einem extremen Ausführen des Strebens nach Macht. Der nie endende Kampf um Anerkennung und die ständige Angst vor Unzulänglichkeiten sorgen im Endeffekt dafür, dass Morde zu einer Coping-Strategie werden, durch die er Machtverluste wieder ausgleichen kann.

Realität?

Das Finale des Films stellt die Realität der Geschehnisse in Frage. Was von der Gewalt und Batemans Taten ist tatsächlich passiert? Hat er sich am Ende alles nur eingebildet?

Während des Films gibt es immer wieder Momente, in denen kurz gezweifelt wird, ob das, was wir sehen und hören, tatsächlich geschieht. Sei es, wenn Batemans Eingeständnisse der Morde unkommentiert bleiben, ein Leichensack mit einem Kleidersack verwechselt wird oder aus dem Nichts Alibis für Bateman auftauchen.

BATEMAN
I’m into, well, murders and executions mostly.

DAISY (Unfazed)
Do you like it?

BATEMAN
Well…it depends, why?

DAISY
Well, most guys I know who work in mergers and acquisitions don’t really like it.

Letztendlich geht es aber gar nicht um die Frage, ob er die Morde tatsächlich begangen hat, oder nicht. Es geht darum, wie die Menschen um ihn herum auf sein Geständnis reagieren. Und das tun sie – nicht. Sein Anwalt nimmt ihm seinen Nervenzusammenbruch und die Erzählungen über die zahlreichen Morde nicht ab, da er Paul Allen vor ein paar Tagen noch in London gesehen hat. Ihm ist egal, ob Bateman davon überzeugt ist, es getan zu haben.

PRICE (talking about Reagen)
Oh brother look-he presents himself as a harmless Old codger. But inside…
[…]
The SOUNDS OF THE BAR FADE AWAY and we hear Bateman’s thoughts:

BATEMAN (V.O.)
But inside doesn’t matter…
[…] My pain is constant and sharp and I do not hope for a better world for anyone. I fact I want my pain to be inflicted on others. I want no escape.
But even after admitting this, there is no catharsis. I gain no deeper knowledge about myself, no new knowledge can be extracted from my telling. There has been no reason for me to tell you any of this.

This confession has meant nothing…

Die Indifferenz seines Umfelds gegenüber seiner Fassade zeigt, dass auch seine Kollegen nicht an einer echten Person interessiert sind, sondern nur an der Fassade.
Batemans Existenzzweck ist es, anderen Menschen gegenüber etwas zu bedeuten, sich über ihnen zu positionieren ohne dabei ein wirklicher Mensch zu sein.
Keine Persönlichkeiten existieren wirklich, nur die Fassaden, die um ihrer selbst willen aufrecht erhalten werden. Es gibt nur die Ebene des Statusvergleichs, die außerhalb eines nicht existierenden Innenlebens stattfindet. Statussymbole sind alles was zählt, ohne dass diese Symbole tatsächlich eine Bedeutung hätten. Denn hinter ihnen stehen keine Menschen, sondern auch nur Platzhalter für etwas, dass von anderen Fassaden überboten werden muss.

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