(Ver-)Querdenker

Wie so oft bei Problemen, die man anfänglich abtut und gemütlich ignoriert, fragt man sich am Ende

„Wie zur Hölle sind wir hierher gekommen?!“

So oder so ähnlich geht es mir und wahrscheinlich vielen anderen mit den Protesten der sogenannten „Querdenker“.

Seit Beginn der Proteste ist klar, dass diese Gruppierung von Verschwörungstheoretiker*innen und Rechtsextremen gebildet und unterwandert wurde. Dementsprechend nahm ich an, dass diese Gruppe auch relativ klein bleiben würde, immerhin leben wir in einem demokratischen Land mit freier Presse, Meinungsfreiheit und einem starken Bewusstsein für die grausamen Verbrechen der NS-Zeit. Auch wenn dieses Bild dank der AfD in den letzten Jahren immer mehr zu bröckeln begann, bin ich dennoch davon ausgegangen, dass der überwiegenden Mehrheit klar sein sollte, dass wir in einem der freiesten Länder der Welt leben.

Eine Pandemie später und ich frage mich, was mit den Leuten passiert ist.

Über die letzten Monate hat die Bewegung der „Querdenker“ immer mehr Zulauf bekommen von Bürger*innen, die sich selbst als „Mitte der Gesellschaft“ definieren. Gemeinsam mit Rechtsextremen und Verschwörungstheoretiker*innen demonstrieren sie gegen Maßnahmen, die eine tödliche Pandemie eingrenzen sollen.

Die Freiheit schützen?

Kaum jemand behauptet, dass alle Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie perfekt und immer genau angemessen sind. Berechtigte Kritikpunkte existieren und müssen in einer Demokratie auch entsprechend offen diskutiert werden. Momentan scheint aber jedes Verständnis dafür zu fehlen, dass diese Pandemie eine noch nie dagewesene und mit vielen Unbekannten versehene Herausforderung ist, die im schlimmsten Fall zu Millionen Toten führen kann. Dass wir in Deutschland so glimpflich davongekommen sind, liegt unter anderem an eben diesen Maßnahmen, gegen die munter verstoßen und protestiert wird. Als hätte man Italien im Frühjahr schon vergessen und würde die USA mit ihren über 250 000 (!) Toten nicht sehen.

Die Demonstrant*innen wollen angeblich unsere Grundrechte und unsere Freiheit schützen. Um dies zu erreichen scheinen ihnen gewalttätige Angriffe auf Journalisten und das Ignorieren der Autorität der Exekutive angemessene Mittel zu sein, in ihrem Rechtsverständnis beleidigen und belästigen sie unsere gewählten Volksvertreter*innen.
Es scheint, dass sie zwar ihre „Freiheit“ verteidigen wollen, aber nicht die Demokratie, die diese möglich macht. Dabei wird ebenfalls ignoriert, dass sie im Gleichen Zuge die Freiheit aller anderen einschränken, in dem sie durch ihr Verhalten riskieren, dass sich das Virus sich noch rasanter ausbreitet.

Man solidarisiert sich nicht mit Nazis!

Seit Beginn der Demonstrationen ist klar, dass die „Querdenker“-Szene zu einem erheblichen Teil aus Rechtsextremen, Reichsbürger*innen und Verschwörungstheoretiker*innen besteht. Wer dort demonstriert, marschiert willentlich und wissentlich mit Nazis. Was wiederum heißt, dass Menschen, die sich in der Mitte unserer Gesellschaft sehen, kein Problem damit haben, sich mit diesen Personengruppen zu solidarisieren. Um es klar und deutlich auszudrücken: DAS GEHT GAR NICHT!
Dieses Verhalten alleine würde schon ein mangelndes Verständnis für die Verbrechen der NS-Ideologie und ein fehlendes Gespür für die Demokratie, in der wir leben, bescheinigen.
Turbulenter wird es allerdings, wenn die neben den Nazis laufenden anfangen, sich mit Opfern des Nationalsozialismus zu vergleichen. Nicht einmal 100 Jahre nach diesen unfassbaren Verbrechen gegen die Menschlichkeit müssen sich die Überlebenden dieser Gräueltaten anhören, dass sich einige dieser Menschen wie Sophie Scholl fühlen würden, weil sie sich gegen die Maskenpflicht wehren. Das ist ein Tritt ins Gesicht aller Opfer der NS-Zeit und Schlag in die Magengrube für alle, denen die demokratische Freiheit in unserem Land wirklich am Herzen liegt.

Diese Art und Weise, sich kundzutun, hat jeglichen Realitätsbezug verloren. Dies ist kein angemessener Weg, um über Maßnahmen zu diskutieren, die unsere Gesundheit schützen sollen.

Warum passiert da nichts?

Unsere selbsternannte Mitte marschiert fleißig mit Nazis, Reichsbürger*innen und Rechtsextremen, während sie sich mit Opfern der NS-Ideologie vergleicht.

Unsere selbsternannte Mitte greift Journalist*innen an.

Unsere selbsternannte Mitte ignoriert Gesetze und Anweisungen der Exekutive.

Und sie kommen damit davon. Trotz allem können sie einfach weiter machen, ohne dass ernsthafte Gegenmaßnahmen ergriffen oder Sanktionen verhängt werden. Ihnen wird ein Freifahrtsschein zur Gefährdung unserer Gesundheit und unserer Grundwerte ausgestellt. Während die Gegendomenstrant*innen mit harten Wasserwerfern vertrieben werden, werden die „Querdenker“ nur beregnet, obwohl sie klar gegen den rechtsstaatlichen Rahmen verstoßen.

Ich kann einfach nicht fassen, was gerade in unserer Gesellschaft passiert.

Das Recht, die eigene Meinung zu äußern und die Versammlungsfreiheit sind keine Freifahrtsscheine. Auch sie unterliegen Beschränkungen durch weitere Gesetze.

Die eigene Freiheit endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt.

Schreibe einen Kommentar