Die Autovermietung

Seit etwa zwei Wochen war ich mit Bus und Bahn in Norwegen unterwegs. Der letzte Bus hatte mich in Bodø rausgeschmissen, einige Kilometer nördlich des Polarkreises. Eigentlich hätte auch diese Fahrt mit dem Zug stattfinden sollen, aber schon als ich in Trondheim einen LKW mit dem Logo der Deutschen Bahn gesehen, hatte schwante mir übles. Mein Zug fiel aus (immerhin war er so nicht unpünktlich) und wurde durch einen Reisebus ersetzt, mit dem wir gemütlich durch Nordnorwegen tuckerten. 9 Stunden lang. Meine anfängliche Panik, dass ich mich über diesen Zeitraum nur von Bananen und Äpfeln ernähren musste, wurde beruhigt, als ich in der hintersten Ecke des Trondheimer Bahnhofs zwei vegane Wraps fand.

Nach zwei Tagen in Bodø flog meine Cousine ein, um mit mir gemeinsam eine Woche auf den Lofoten zu verbringen. Unser unschuldiger Plan, einfach die Fähre hinüber auf die Inseln zunehmen wurde beinahe durchkreuzt, als wir über das Gelände des Ablegeplatzes streiften, verzweifelt auf der Suche nach einer Ansprechperson. In dem einzigen Gebäude, das aussah, als sollten dort Touristen anlaufen, war niemand anzutreffen. Wie im Little Shop of Horrors („Hallo, Kundschaft!?“) liefen wir von einer Ecke zur anderen, bis wir endlich jemanden fanden, der uns die Tickets verkaufte und uns aufs Schiff schickte.
Ein paar Stunden später setzten wir Fuß auf die Inseln. Keine 300 Meter vom Anlegeplatz entfernt befand sich ein Zeltplatz, den wir angesichts der Uhrzeit und mangelnder Alternativen gleich zu unserer Schlafstatt erklärten.


Ebenfalls direkt am Anlegeplatz befand sich ein kleines Hüttchen mit der Aufschrift „Rent a Car“. Die öffentlichen Verkehrsmittel auf den Lofoten ließen mehr als zu Wünschen übrig, daher wollten wir uns zumindest erkunden, wie viel ein Auto kosten würde.
Als wir in die Holzhütte eintraten, war sie mit uns und dem Verkäufer auch schon überfüllt. Nachdem wir mehrfach betonen mussten, dass wir uns zunächst nur informieren und nicht gleich mit 5 Autos wegfahren wollten, bekamen wir die Auskunft, dass er ein Auto für uns hätte, das über die Woche 2000 Kronen, also etwa 200€, kostet. Wir fragten, wann wir am nächsten Tag kommen könnten, falls wir uns für die Miete entschieden. Er sagte 10 Uhr (er sei morgen ja früh da), wir sagten danke und bis dann.
Am nächsten Morgen packten wir schnell unsere Zelte zusammen und gingen wieder zu dem Verschlag der Autovermietung. Die Möglichkeit, unabhängig umherfahren zu können, war es auf jeden Fall wert. Schlafen würden wir im Auto, um die zusätzlichen Kosten für Zeltplätze zu sparen.
In vorauseilendem Gehorsam hatte ich meinen Personalausweis und Führerschein bereits griffbereit. Es war 09:55 Uhr und wir standen vor einer geschlossenen Tür, niemand war da. Meine Definition von „früh da sein“ wurde hier anscheinend auf eine Probe gestellt. Einige Zeit verstrich, bis der Vermieter schließlich etwa gegen halb elf eintrudelte.
Wir sagten ihm, dass wir das Auto gerne haben würden. Als ordentlich bürokratisch erzogene Person war ich zunächst etwas irritiert, als er mir einen DIN A5 Zettel hinschob, auf dem ich lediglich meinen Namen, Alter, Telefonnummer und Mailadresse eintragen sollte. Sicherlich müsste da noch mehr kommen. Ich füllte den Zettel aus, er heftete ihn ohne einen zweiten Blick darauf ab und wollte uns das Auto zeigen. Auf die Frage, ob er nicht noch meinen Personalausweis oder wenigstens meinen Führerschein sehen wollte, schüttelte er nur den Kopf. Völlig perplex liefen wir ihm hinterher. Der eine Teil meines Gehirns war entrüstet über die Unverantwortlichkeit, die mit dieser Art von Autovermietung einherging, währen der andere damit beschäftigt war, mir zu sagen, ich solle mich nicht so deutsch verhalten und einfach mal entspannen.
Zu dritt liefen wir um unser Vehikel herum, während er uns salopp erklärte, was zu tanken war und dass wir selbst schalten müssten. Am morgen unserer Abreise sollten wir es einfach wieder hier abstellen. Daraufhin drückte er uns die Schlüssel in die Hand und verschwand wieder in seiner kleinen Hütte. Und ohne Weiteres waren wir stolze Mieterinnen eines (wenn auch schon etwas heruntergekommenen) Autos.

Wir schmissen unsere Sachen in den Kofferraum und fuhren aufs Geratewohl los. In meinem Kopf wurde immer noch der Gedanke verarbeitet, dass wir einfach mit dem Auto davon fahren könnten, hätten wir falsche Angaben gemacht. Es gäbe keine Möglichkeit, uns irgendwie zu erreichen. Natürlich taten wir das nicht, wir stellten das Auto wie gewünscht und fristgerecht wieder ab. Aber wir hätten es tun können.

Schreibe einen Kommentar