Body Positivity

Disclaimer:
Die Thematik rund um Schönheitsideale und Body Positivity ist ein sehr komplexes und emotionales Thema. Ich möchte mit diesem Beitrag nicht dem Anspruch gerecht werden, alle Facetten aufzugreifen und zu diskutieren, das würde Bücher füllen. Hier kann nur an der Oberfläche gekratzt werden.

Body Positivity

Unsere Welt ist geprägt von oberflächlichen und stereotypen Schönheitsidealen. Überall sieht man sich mit makelloser Haut, perfekten Zähnen und vollkommenen Körpern konfrontiert. Schaufensterpuppen haben höchstens Größe 34, selten kommt es vor, dass der oder die Protagonist*in eines Filmes keine Modelmaße hat.
In diesem gesellschaftlichen Klima ist es nicht verwunderlich, dass diese teils absurden und unerreichbaren Schönheitsideale dazu führen, dass selbst gesunde Körper wegen Kleinigkeiten wie „Hip Dips“ gehasst werden und psychische Probleme und Essstörungen die Folge sind. Laut der BZgA entwickeln etwa 20% der Jugendlichen Symptome von Essstörungen, Mädchen sind dabei deutlich häufiger betroffen als Jungen.
Dabei sind diese Schönheitsideale flüchtige, gesellschaftlich erdachte Konstrukte und nicht naturgegeben.

 „Body Positivity“ ist keine Erfindung der feministischen Bewegungen des 21. Jahrhundert. Schon im 19. Jahrhundert forderte das „Victorian Dress Reform Movement“ bequemere und praktischere Kleidung für Frauen anstatt der engen Korsetts zum Erzwingen einer winzigen Taille.

Body Positivity in der heutigen Form vertritt die Ansicht, dass jeder Körper auf seine Art vollkommen ist. Eine Überzeugung, die dringend notwendig ist, wenn wir die repressiven und belastenden Vorstellungen einer „guten Figur“ überkommen möchten. Einzigartige und vielfältige Körper sind natürlich. Sie sind unser ultimatives zu Hause, in gewisser Weise sind wir unsere Körper. Es ist in keinster Weise förderlich, die Körper zu verachten, in denen wir unser Leben verbringen (außer für die Industrie, die darauf aufbaut).
Body Positivity gibt uns die Möglichkeit, auf die Leistungen unserer Körper stolz zu sein und die Individualität zu feiern, die mit ihnen einhergeht, anstatt sie zu verteufeln. Es wird ein Raum geschaffen, in dem jede*r die Freiheit hat, den eigenen Körper so akzeptieren zu können, wie er ist. Sei es in Größe XS oder 5XL.
Alle Menschen haben das Bedürfnis und das Recht, sich selbst zu lieben und Empathie und Beachtung von ihren Mitmenschen zu erfahren.

So wichtig und richtig diese Einstellung ist, gibt es im Rahmen der Body Positivity dennoch einige Strömungen, die über die Liebe des eigenen Körpers hinaus gehen und Ansichten vertreten, die von problematisch bis hin zu wirklich gefährlich reichen können.

Body Positivity & Health at every Size

Häufig wird Body Positivity in einem ähnlichen Kontext wie „Health at every Size“ (HAES) genutzt oder sogar synonym damit verwendet.
HAES hat seine Ursprünge in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts und vertritt die Ansicht, dass Körpergewicht kein Indikator für Gesundheit sein kann, sondern dass auch morbid adipöse Menschen gesund sein können. Begründet wird dies mit Momentaufnahmen stark übergewichtiger Personen, die (abgesehen von ihrem Übergewicht) keine weiteren Beschwerden aufweisen.

Diese Einstellung ist aus verschiedenen Gründen problematisch. Zum einen ist Adipositas nach Auffassung der WHO selbst eine Krankheit, an der weltweit „mindestens 2,8 Millionen Menschen jährlich“ sterben. Zu sagen, man könne fettleibig und gesund sein, ist dementsprechend ähnlich korrekt wie zu behaupten, man wäre gesund, obwohl man mit Grippe im Bett liegt.
Zum anderen ist das Problem, dass dieser „gesunde“ Zustand, also Fettleibigkeit ohne weitere Beschwerden, eben nur eine Momentaufnahme ist. Die Tatsache ist, dass Adipositas das Risiko für viele Krankheiten stark erhöht, darunter Diabetes, chronische Entzündungen, Krebs, Herzinfarkte und ein erhöhtes Risiko für einen frühzeitigen Tod.
Die Leugnung solcher wissenschaftlich belegten Tatsachen ist demnach mehr als gefährlich und die Glorifizierung fettleibiger Körperbilder kein erstrebenswertes Ziel. Genau das ist allerdings das Ziel der „Fat Acceptance“ Bewegung.

Fat Acceptance

Fat Acceptance oder Fat Activism plädiert für eine Normalisierung übergewichtiger bis stark adipöser Körper.
Virgie Tovar ist eine der prominenteren Vertreterinnen dieser Strömung. Ihrer Ansicht nach sei jede Form der Kontrolle über das, was man isst, selbst die Aussage, man wolle „ein kleineres Stück Kuchen“, ein Beweis für die „Diet Culture“. Auf seine Ernährung zu achten sei ein Mechanismus zur Unterdrückung und an sich fettphobisch und antifeministisch.
Fettphobie ist ein oft gebrauchtes Totschlagargument, wenn es darum geht, innerhalb der Fat Acceptance auf die realen Risiken von Fettleibigkeit aufmerksam zu machen. Teilweise wird selbst das öffentliche Ausführen eines gesunden Lebensstils als Akt einer fettphobischen Person gesehen.
Das eine Extrem der ständigen Nahrungskontrolle und Verteufelung bestimmter Lebensmittel wird zum Anlass genommen, das andere Extrem des komplett unkontrollierten Essens bis zur Adipositas als bessere, natürlichere und gesündere Alternative darzustellen.

Doch woher kommt diese Einstellung? Was bringt Menschen dazu, die eigenen gesundheitlichen Risiken zu leugnen und dadurch ein gefährliches Narrativ in die Welt zu setzen?

Stigma

Sobald Inhalte von Fat Activists Publikum von außerhalb der standardmäßigen Filterblase anziehen, wird deutlich, wo das Problem eigentlich liegt:
Die Gesellschaft stigmatisiert und benachteiligt übergewichtige Menschen.

Es gibt diverse TEDx-Talks von stark adipösen Menschen, die Verständnis dafür auslösen könnten, wie schwer es ist, sich selbst zu akzeptieren und zu lieben, wenn permanent signalisiert wird, dass man weniger attraktiv, fähig und wert ist, als ein Mensch, der weniger wiegt. Sarah Hollowell’s Talk ist nur ein Beispiel für eine Kommentarsektion, in der sich massenhaft abwertende und beleidigende Aussagen häufen. Es entsteht der Eindruck, dass Menschen wie sie von einem Großteil der Gesellschaft eben nicht als solche wahrgenommen werden: Als Menschen mit realen Gefühlen und Herausforderungen.
Diese Stigmatisierung führt zu Teufelskreisen von Stress und Gewichtszunahme, psychischen Problemen und zu einem Ausschluss aus wirklicher Teilhabe an der Gesellschaft.
Eine Studie, die in Dr. Micheal Gregers Buch „How not to diet“ zitiert wird, bringt das Ausmaß der Folgen dieser Diskriminierung auf einen bitteren Punkt:

„Über 90% [der siebenundvierzig Männer und Frauen] erklärten, sie hätten lieber ein amputiertes Bein [oder] wären lieber ihr gesamtes Leben lang blind als fettleibig.“

Ernst gemeinte Hinweise auf Risiken reihen sich in eine die Menge entmenschlichender Verhaltensweisen ein, die adipöse Menschen täglich erdulden müssen. In dieser Umgebung wäre es für jeden schwierig, diese Hinweise nicht in dem Kontext der Erniedrigungen anzunehmen. Ist es vor diesem Hintergrund wirklich überraschend, dass unter Adipositas leidende Menschen nicht auf eine Gesellschaft hören wollen, von der sie abgestoßen werden? „Fettliebe“ als Reaktanz auf andauernden Hass und Ausgrenzung ist völlig verständlich.


An diesem Punkt sollte noch kurz festgehalten werden, dass in den vorhin erwähnten TEDx-Talks und in der Fat Acceptance Bewegung generell häufig die eigene Diskriminierung in die Reihen von Diskriminierung aufgrund ethnischer Unterschiede gestellt wird. Dies ist natürlich insofern problematisch, als dass Fettleibigkeit in seltenen Fällen angeboren oder unumkehrbar ist. Die allermeisten Personen haben die Möglichkeit, abzunehmen – Opfer ethnischer Diskriminierung haben nicht die Möglichkeit, ihren Diskriminierungs“grund“ abzulegen.


Und jetzt?

Unsere Gesellschaft benötigt dringend eine Bewegung weg von idealisierten, unrealistischen Schönheitsidealen hin zu einem gesünderen und vielfältigeren Körperbild.
Wir müssen uns bewusst werden, dass Fat Shaming und die damit einhergehende Vorverurteilung nicht nur entmenschlichend und entwürdigend ist, sondern auch tiefgreifende Folgen für die Betroffenen hat.
Daraus folgende Reaktionen wie Fat Acceptance oder HAES sind für manche der einzige Ausweg, sich selbst akzeptieren und lieben zu können. Allerdings sind sie im gleichen Zug eine Gefahr für die körperliche Gesundheit und leugnen wissenschaftliche belegte Tatsachen.
Wenn wir wirklich physisch und psychisch gesundes Leben fördern möchten, müssen wir uns von unseren veralteten Vorstellungen emanzipieren.

Liebe, Empathie und Verständnis dürfen nicht von einem idealen Körperbild abhängen.

Schreibe einen Kommentar