Wie Benedict Wells mich fand.

Manchmal findet man, was man sucht. Und manchmal wird man von Dingen gefunden, von denen man nicht wusste, dass man sie sucht. Rückblickend sind es häufig eine Menge unwahrscheinlicher Zufälle, die wie zielgerichtet zum Zusammentreffen dieser Dinge führen. Genauso verhielt es sich mit den Kurzgeschichten und Romanen von Benedict Wells. Denn ohne Patrick Süskind wären sie mir wohl nie über den Weg gelaufen.

Das Parfum war eines dieser Bücher, die wir damals in der Schule lesen mussten. Eigentlich hatte ich nie etwas gegen die Bücher, die wir vorgesetzt bekamen. Zwar war ich selten maßlos begeistert, aber ich war meistens eine der wenigen, die den Stoff tatsächlich ohne großes Murren lasen. Das heißt, bis auf zwei Ausnahmen, die mir wirklich nicht gefielen. Aber Das Parfum fand ich ernsthaft gut, obwohl es so gar nicht normalen Literaturauswahl entsprach. Zu der Zeit war ich fast ausschließlich für Fantasy zu haben. Ganze Bücherreihen, deren Fronten Drachen, Schwerter, Blaubären oder Wolpertinger schmückten. Süskinds Roman hingegen war beim Diogenes Verlag erschienen. Seine Front war dementsprechend schlicht weiß, die Serifenschrift des Titels unaufgeregt und das darüber abgebildete Gemälde einer nackten, schlafenden Frau wirkte altbacken. Im Buchlanden lief ich an diesem Verlag immer vorbei.

Ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass sich das nach Das Parfum schlagartig geändert hätte. Dafür steckte ich immer noch viel zu tief in meiner Liebe für Fantasy.

Einige Jahre später, genau genommen im März diesen Jahres, fand ich mich wie so oft vor meinem Bücherregal wieder, auf der Suche nach etwas, das ich lesen könnte. Die unendlichen Wiederholungen ein und derselben Heldengeschichte hatten langsam ihren Reiz für mich verloren. Schließlich fiel mein Blick auf die Ecke, in der ich meine alten Schulbücher gesammelt hatte. Ich erinnerte mich, dass mir die Geschichte über den geruchslosen Mörder gefallen hatte und zog das Buch aus seinem Platz zwischen Remarques Im Westen nichts Neues und Sally Perels Ich war Hitlerjunge Salomon hervor. Es war einfach genial. Der Streich, dass alle, die in Grenouilles‘ parasitärem Leben ihre Rolle erfüllt hatten, kurz nach seinem Verlassen starben. Die Idee des menschlichen Parfums, dieser absolut widerliche Protagonist.

Beim nächsten Besuch im Buchladen ging ich nicht mehr an Diogenes vorbei. Gleich im Eingang des Ladens wurde ich fündig. Da ich von all den ausgestellten Büchern bisher nichts gehört hatte, nahm ich das mit dem ansprechendsten Titel mit nach Hause. Unsere Seelen bei Nacht von Kent Haruf. Eine liebevolle Geschichte über zwei Menschen, die ihre alten Tage nicht einsam verbringen möchten.

Einige Monate später spazierte ich mit meiner Cousine durch die Stadt, wir machten halt bei Annabee, einem kleinen Buchladen in Linden. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, mir kein Buch zu kaufen, da mein Konto durch die Pandemie sowieso schon in den letzten Zügen war. Allerdings flog dieser Vorsatz wie immer aus dem Fenster, sobald ich die Türschwelle des Ladens überschritten hatte. Ich freute mich zu sehr auf neue, einfach menschliche, aber besondere Geschichten. Etwas, das ich nicht schon in hunderten Variationen gelesen hatte. Um ganz ehrlich zu sein, fühlte ich mich aber auch ein bisschen wie ein pseudointellektueller Weinkenner. Als würde ich mich in die Reihen derjenigen einreihen, die sich für etwas Tolles hielten, weil die Autoren, die sie lasen, nicht gleich bei jedem auf Wiedererkennen stießen. Aber letztendlich gefielen mir die Bücher einfach. Sollte ich doch von mir denken, was ich wollte!

Dass ich Alte Sorten von Ewald Arenz mitnehmen würde, war recht schnell klar. Ich liebte die alten Apfel- und Birnbäume im Garten meiner Eltern zu sehr, um es liegen zu lassen. Kurz darauf fand ich mich wieder vor einem Diogenes-Buch. Um die Wahrheit zu sagen, hatte ich auch langsam gefallen an dem ruhigen Layout gefunden. Aber die Fruchtweinverschnitt-Trinkerin in mir wollte das natürlich nicht zugeben. Das Bild dieses Buches war minimalistisch und strahlte einen diffusen „Amerika-in-den-50ern“ Vibe aus. Drei grüne Palmen entlang einer Straße, im Hintergrund die violetten Silhouetten dreier Berge. Die Wahrheit über das Lügen. Der Autor sagte mir wie immer nichts. Aber da ich mit meinem Blindgriff zuvor gut beraten war, wanderte auch dieses Buch zu mir nach Hause.

Als ich ein paar Wochen später Benedict Wells‘ Die Wahrheit über das Lügen aus meinem Regal holte, ahnte ich noch nichts von dem, was gleich auf mich zukommen würde. Noch vor dem Inhaltsverzeichnis des Buches war ein Zitat von Akira Kurosawa abgedruckt. Ich wertete das als gutes Zeichen, denn durch das Dasein meines Mitbewohners als Filmliebhaber war mir der Name und dessen Bedeutung zumindest vage bekannt.

Ich begann zu lesen. Falls man das in diesem Fall noch so nennen kann, denn so etwas war mir einfach noch nie zuvor passiert. Während ich den Inhalt der Seiten aufnahm, war es, als würde mir gleichzeitig in meine Seele geblickt und nach meinem Herzen gegriffen werden. Dabei waren es „nur“ kleine Geschichten, mal realer, mal absurder, aber immer dieses Gefühl, als würden sie direkt in das Tiefste meines Wesen dringen. Mehrfach tauchte in mir die Frage auf, ob es möglich ist, sich in Texte zu verlieben. Ich saß einfach nur da, las, und war wie vor den Kopf geschlagen. Mir war nicht klar gewesen, dass so etwas möglich ist. Schon früher hatte ich mit Büchern gelacht und geweint, das hier war etwas völlig anderes. Selbst Rumo war daran nicht herangekommen. Das hier war… alles.

Eine Weile stand er einfach nur so da und wollte.

Dann setzte er sich wieder hin und sah fern.

Benedict Wells – Becks letzter Sommer

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