Der Erbsenzähler

Es war einer jenen heißen Sommertage, an denen die Luft schwirrt und sich eine träge Stille über allem ausbreitet. Er saß auf seiner kleinen Bank vor ihrem Haus, die Steinwand hinter ihm strahlte trotz der Hitze noch ein wenig der nächtlichen Kühle aus. Das reichte allerdings nicht, um die Kraft der Sonne abzumildern, die erbarmungslos auf ihn hinabbrannte. Aber das störte ihn nicht. Er hatte die Hitze schon immer genossen, selbst wenn alle anderen schon tagelang am Stöhnen waren. Der süße Duft der Erbsen erfüllte die Luft. Die letzten Tage hatte er damit verbracht, sie zu pflücken und aus den Hülsen zu befreien. Etwa vierhundert von ihnen hatte er schon von ihnen geerntet und es waren immer noch reichlich vorhanden. Ein gutes Erbsenjahr.

Er blickte auf und betrachtete den Kirschbaum. Bald würden auch seine Früchte reif sein. Sein Großvater hatte den Baum ein paar Jahre vor seiner Geburt gepflanzt, direkt neben die Einfahrt auf den Hof. Als Kind hatte er sich den Arm gebrochen, weil er gegen die wiederholten Warnungen seines Vaters in die Bereiche geklettert war, in denen die Äste zu dünn waren, um sein Gewicht zu halten.

Er brach die einhundertfünfzigste Hülse auf und ließ die Erbsen in eine der Schüsseln neben ihn fallen. Ab und zu naschte er ein paar davon.

Wieder glitt sein Blick zum Kirschbaum. Es drückte ihm etwas aufs Herz, als ihm bewusst wurde, wie viel er an diesem Kirschbaum erlebt hatte. Zu der Zeit, als er und seine Freunde noch klein waren, hatte der Baum oft als uneinnehmbare Festung gedient, die es zu brechen galt. Nach dem Spiel hatten sie von seiner Mutter oft frischen Kirschsaft bekommen. Später hatte er unter diesem Baum das erste Mal ein Mädchen geküsst. Er hätte schwören können, dass sie nach den Kirschen geschmeckt hatte. Auf der von ihm nun abgewandten Seite hatten sie ihre Namen ins Holz geschnitzt. An fast derselben Stelle hatte er gestanden, als er sie fragte, ob sie ihn heiraten wolle. Damals war er neunzehn gewesen. Er hätte noch gewartet, aber er musste es wissen, bevor er… Bevor er eingezogen wurde. Bis heute war ihr Ja eine seiner glücklichsten Erinnerungen. Sein bester Freund hatte daneben gestanden, seinen Rucksack abmarschbereit auf dem Rücken.

Zweihundertdreiundsechzig Tage hatte er in Frankreich gegen Menschen kämpfen müssen, denen er noch nie zuvor begegnet war. Dann hatte er sich eine Kugel eingefangen, die seinen Oberschenkelknochen zertrümmerte. Er war nach Hause geschickt worden. Ein paar Wochen später erhielt er das Telegramm mit der Nachricht, dass sein bester Freund durch einen Kopfschuss gestorben war.

Verbittert spuckte er aus. Er schaute auf die neue Erbsenhülse, die warm in seine Händen lag. Früher waren sie stark gewesen, heute zeichneten sich die Adern blau unter der gebräunten Haut ab, die täglich einen neuen Fleck zu produzieren schien. Man sieht seine Hände nicht mehr wie früher, wenn sie ein Gewehr auf einen Menschen gerichtet hatten.

Er erinnerte sich genau, wie es war, als er aus dem Krankenhaus entlassen worden war und er wie zum ersten Mal durch das Tor schritt. Alles hatte gerochen wie zuvor. Die sonnengewärmten Steine, die Blumen unter dem Kirschbaum, dessen Früchte noch grün waren. Nur er war fremd darin. Er trat auf den Baum zu. Die Namen waren nach wie vor in seiner Rinde. Als er sich abwandte, sah er eine Kirsche am Baum hängen, die noch vom letzten Jahr übrig sein musste. Er fragte sich, wie sie den Winter überstanden haben mochte. Aber dort hing sie, ein verdorrtes Stück Obst zwischen den neuen Früchten. Er zupfte sie ab.

Ein Jahr später hatte er seine Frau geheiratet. Es war eine kleine Hochzeit gewesen. Er hätte ihr gerne mehr bieten können, aber kaum jemandem war dies zu jener Zeit vergönnt. Sie hatte sich nie darüber beschwert. Sie war sein Sonnenschein gewesen und er wünschte, er hätte es ihr öfter gezeigt. Aber die Jahre nach dem Krieg waren düster. Niemand redete darüber, aber in ihm war es dunkel und er wusste, dass er nicht der einzige war.

Eines Tages war er mit Blumen für sie nach Hause gekommen. Seine Kehle war zugeschnürt und er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Die hier sind für dich. Er stellte den Strauß in die Vase auf dem Tisch. Sie saß auf dem Sessel im Wohnzimmer und sah ihn verwundert an. Er war auf sie zugetreten, hatte sich auf die Knie fallen lassen, ihre Hände genommen und angefangen, zu weinen. Es war, als wäre ein Staudamm gebrochen. Es tut mir leid, brachte er hervor. Sie hielt ihn fest. Als er sich beruhigt hatte, gab sie ihm einen Kuss. Er wusste, dass sie ihn verstand, auch wenn er keine Worte dafür hatte.

Danach war es besser geworden. Immer noch schwer, aber besser. Er erinnerte sich an Abende mit Freunden, an denen sie gelacht und getrunken hatten, Stücke von Normalität, die wieder Einzug in sein Leben hielten.

Sie hatten Kinder bekommen wollen. Aber egal, was sie versuchten, es funktionierte nicht. Sie trug es tapfer, aber er wusste, dass es sie mehr traf, als sie selbst ihm zeigte. Häufig war sie früh ins Bett gegangen. Wenn er sich zu ihr legte, sah er, dass sie geweint hatte.

Wieder fischte er sich eine Erbse aus der Schüssel und drückte sie mit der Zunge an seinem Gaumen platt. Es war seine Frau gewesen, die begonnen hatte, Gemüse in ihrem Garten anzubauen. Hinter der Hausecke, gerade vor seinem Blick verborgen, waren alle möglichen Sorten gediehen. Aber die Erbsen hatte er immer am liebsten. Er lächelte bei der Erinnerung daran, dass sie immer scherzhaft gemeckert hatte, wenn er Erbsenschoten aus ihrem Korb geklaut hatte, um sie zu essen. Das bringt mich beim Zählen durcheinander! hatte sie gelacht. Er sog die schwere Luft ein, genoss den Geruch der Steinwand hinter sich und nahm sich die nächsten zehn Hülsen vor.

Er saß noch einige Zeit auf seiner Bank vor ihrem Haus und pulte Erbsen. Die Sonne war schon tief am Himmel, als er sich aufrichtete. Sein Rücken tat ihm weh. Er hatte sich den ganzen Tag kaum bewegt und auch seine Knie beschwerten sich über die Last, die sie jetzt zu tragen hatten. Er trug den nun leeren Korb zurück in die Abstellkammer. Im Garten pflückte er ein paar Blumen und Gräser, die er zusammen mit den Schüsseln voller Erbsen in die Küche brachte. Er blickte auf das Bild seiner Frau. Er hatte es immer geliebt. Kein anderes Foto hatte sie so gut abgebildet wie dieses. Dieses Jahr ist ein gutes Erbsenjahr, Liebling. 400 Hülsen, und ich bin nicht einmal halb fertig mit ernten. Er spürte, wie seine Augen anfingen zu brennen und blinzelte. Er stellte die Blumen ins Wasser. Solange es Blumen in der Vase und Erbsen im Garten gab, war alles gut.

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