Insomnia

TAG 1

Die Welt schlief noch. Ein paar letzte Nebelschwaden waberten über die Wiesen, die sich hinter dem Haus erstreckten. Das kühle Licht ließ die Grashalme aussehen wie ein stilles Meer, voller Tautropfen, bevor die Sonne zu trocknen begann.
Das schrille Klingeln des Weckers durchdrang die morgendliche Ruhe wie ein Messer. Rose drehte sich auf die Seite, drückte die Schlummer-Funktion  und zog sich die Bettdecke über den Kopf. Die Aussicht auf den heutigen Tag lag wie ein Gewicht auf ihr. Der Streit mit ihren Eltern hallte noch in ihr nach.
Der Wecker klingelte erneut. Noch halb schlafend schlurfte sie ins Badezimmer, klatschte sich ein wenig Wasser ins Gesicht, steckte sich die Zahnbürste in den Mund und bewegte sich nach unten in die Küche. Die Fliesen waren kalt unter ihren nackten Füßen. Es war noch keiner da. Sie stand immer etwa eine halbe Stunde früher auf als alle anderen. Dies war die einzige Zeit im Haus, die sie ganz für sich hatte. Nachdem sie die Zähne geputzt hatte, beschloss sie, Frühstück zu machen. Wenigstens ein kleiner Versöhnungsversuch. Der Geruch von frischem Kaffee und aufgebackenen Brötchen begann die Küche zu füllen. Als der Tisch gedeckt und alles bereit zum Essen war, fiel ihr auf, dass immer noch keiner wach war. Sie blickte auf die Uhr, halb acht. Ihrer kleinen Schwester sah es ähnlich, zu verschlafen. Aber ihre Eltern waren normalerweise immer pünktlich wach.
Rose ging die Treppe hoch und öffnete die Tür zum Schlafzimmer ihrer Eltern, das noch in Dunkelheit gehüllt war. Lediglich das Handy ihres Vaters murrte, dass es Zeit war, aufzustehen. Sie stellte es aus, und berührte ihn leicht an der Schulter.

„Papa? Es ist Zeit zu frühstücken. Habt ihr etwa verschlafen?“

Doch er wachte nicht auf. Dass er schlief war offensichtlich. Sie konnte seine langen, ruhigen Atemzüge hören. Sie ging hinüber zu ihrer Mutter, aber auch sie wachte nicht auf. Langsam wurde sie unruhig. Sie schaltete das Licht an, aber auch das half nicht. Halb gehend, halb rennend erreichte sie das Zimmer ihrer Schwester. Auch sie schlief noch seelenruhig. Dass das Licht eingeschaltet wurde, störte sie dabei nicht im Geringsten. Rose stürzte an ihr Bett, versuchte sie aufzuwecken. Keine Reaktion

„Was passiert hier?“, dachte sie verzweifelt.

Ihre Kehle fühlte sich an wie zugeschnürt. Sie merkte, wie ihr einige trockene Schluchzer entwichen. Sie zwang sich, einige male tief durchzuatmen. Es musste doch eine Erklärung geben. Zunächst musste sie irgendwen anrufen. Aus Mangel eines besseren Einfalls rief sie ihre beste Freundin an, allerdings erreichte sie nur die Mailbox. Der kleine Teil, der versuchte ihr zu sagen, dass dies auch völlig normale Gründe haben konnte, kam kaum gegen die in ihr aufsteigende Panik an.
Wenn sie sie nicht erreichen konnte, würde sie eben zu ihr gehen. Sie ging in ihr Zimmer, zog sich Jeans und T-Shirt an, schnappte sich ein Brötchen vom Frühstückstisch und verließ das Haus.
Mit der freien Hand massierte sie sich ihren Nacken, versuchte, die Anspannung loszuwerden. Kaum hatte sie die Tür hinter sich zugezogen, spürte sie, wie sich ihre Muskeln unter ihrer Hand verkrampften.
Es war absolut still, als ob der Welt jegliches Geräusch entzogen worden war. Sie wagte kaum, zu atmen, die Lautlosigkeit drückte auf ihre Trommelfelle wie Wasser. Sie zwang sich, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Das Knirschen des Kies kam ihr unnatürlich laut vor.
Die Häuser der Straße lagen leblos vor ihr, kein Licht drang aus ihren Fenstern. Kein Wind brachte die Bäume zum Rauschen, selbst die Tiere waren verstummt. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde sie gegen Widerstand arbeiten. Sie spähte durch das Wohnzimmerfenster ihrer Nachbarn. Auf dem Sofa lag der Vater der Familie, eingeschlafen dem laufenden Fernseher.
Rose ging weiter, darauf bedacht, so wenig Geräusche wie irgend möglich zu machen. Am Ende der Straße stand ein Auto. Sein Fahrer saß mit geöffneten Mund, sanft atmend, hinter dem Steuer. Er musste dort eingeschlafen sein, nachdem er von der Nachtschicht nach Hause kam. Roses Herz schlug ihr bis zum Hals. Angst überspülte sie. Sie rannte zurück nach Hause, das Blut rauschte in ihren Ohren und übertönte die Schritte auf dem Gehweg.
Sie schlug die Haustür hinter sich zu und sank wimmernd auf den Boden, während die Panik sie übermannte.
Als sie wieder zu sich kam, drückte die Stille immer noch auf ihren Körper. Zitternd erhob sie sich, setzte sich auf das Sofa und schlang die Arme um ihre angezogenen Knie.
Das hier musste ein Alptraum sein. Eine andere Erklärung gibt es nicht, so etwas passiert einfach nicht. Die ganze Situation war einfach lächerlich. Niemand kann ewig schlafen. Sie würde hier einfach sitzen und warten, bis jemand wach wird.
Die Stunden vergingen, aber die Stille blieb. Der Kaffee auf dem Tisch war längst kalt geworden. Sie konnte es leugnen, so viel sie wollte. Niemand kam herunter, niemand rührte sich. Sie ging im Wohnzimmer auf und ab. Hörte einen Podcast, um wenigstens irgendeine Beschallung zu haben. Zeichnete, schaute Serien und versuchte, zu verdrängen, was gerade passierte.
Irgendwann fand sie sich vor dem Verandafenster wieder, starrte selbstvergessen auf die Reflektion ihrer selbst in der Scheibe. Sie erinnerte sich, wie sie als kleines Kind eines morgens versucht hatte, wegzulaufen. Sie wusste gar nicht mehr, warum sie das getan hatte. Ihre Eltern hatten sie immer geliebt. Weit gekommen war sie aber ohnehin nicht. Am Ende der ersten Wiese hatte sie sich hingesetzt und war eingeschlafen. Ihr Mutter hatte sie dort gefunden, komplett vom Tau durchnässt.
Rose schüttelte den Kopf, um wieder zu sich zu kommen. Sie wusste, dass sie sich der Realität früher oder später stellen musste. Sie stand auf, fuhr sich durch die langen Haare und schaltete den Fernseher ein. Sie zappte durch die Kanäle, bis sie einen Nachrichtensender fand. Allerdings waren da keine Nachrichten. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal ein Testbild gesehen hatte. Aber hier war es und brannte sich in ihre Netzhaut ein. Sie schloss die Augen und drückte den Aus-Knopf der Fernbedienung.
Wieder setzte sie sich auf das Sofa und holte ihr Handy hervor. Einige Zeit starrte sie auf das Display, ohne eine App zu öffnen. Sie befahl ihrem Daumen, sich auf das kleine Twitter Icon zu bewegen. Sie scrollte durch den Feed. Keine Beiträge seit gestern, weder im Feed noch sonst irgendwo. Das gleiche bei Facebook und Instagram. Sie schmiss das Handy in die Ecke.
Ihr Magen knurrte. Sie knabberte ein wenig an dem trockenen Brötchen von heute morgen, bekam aber so gut wie nichts herunter.
Sie hob ihr Handy wieder auf. Wenn schon niemand anderes Nachrichten verschickte, dann könnte wenigstens sie ein SOS absetzen. Noch bevor sie das Display aktivierte, fiel ihr das blinkende Lämpchen auf.

Ein neuer Tweet.

„Ist hier sonst noch jemand wach?“

2 Kommentare.

Schreibe einen Kommentar