Zur Verteidigung der Menschheit

Modern globalization
Coupled with condemnations
Unnecessary death
Matador corporations
Puppeting your frustrations with a blinded flag
Manufacturing consent is the name of the game
The bottom line is money nobody gives a fuck

Four thousand hungry children
Leave us per hour from starvation
While billions are spent on bombs
Creating death showers

„Boom“ – System of a Down

Wenn wir uns in unserer Welt umschauen, ist es mehr als leicht, ein negatives Menschenbild zu entwickeln. Wie könnten wir auch nicht? Überall, wo man hinschaut, gibt es Hunger, Gewalt, Krieg, Gier, Rassismus und Zerstörung. Wir schaffen es, Billionen für die Rettungen von Banken im Nu zusammenzuraffen, aber wenn es um die Rettung von Hungernden geht, wird das Geld plötzlich knapp. Allein die Namen „Hiroshima“, „Nagasaki“, „Tian’anmen-Platz“ oder „Auschwitz“ verkörpern das Ungeheure, zu dem wir fähig sind.

Kaum ein Tag vergeht, an dem wir nicht in den Nachrichten von einer neuen Hungersnot, Folgen des Klimawandels, Kriegsverbrechen, Korruption, Betrug oder sonstigen fürchterlichen Ereignissen hören, die bei uns schon zur Gewohnheit geworden sind.

Eine Million bedroht vom Hungertod nach Schätzungen der UNICEF
Während ich grad gesundes Obst zerhäcksel in der Moulinex
Seh‘ ein Kind, in dessen traurigen Augen ’ne Fliege sitzt
Weiß, dass das echt grausam ist, doch scheiße, Mann, ich fühle nichts
Was ist denn bloß los mit mir, verdammt, wie ist das möglich?
Vielleicht hab ich’s schon zu oft gesehen, man sieht’s ja beinah täglich
Doch warum kann mich mittlerweile nicht mal das mehr erschrecken
Wenn irgendwo Menschen an dreckigem Wasser verrecken?

„An Tagen wie diesen“ – Fettes Brot

Unsere Lieder und Geschichten sind voll von Kritik und Verzweiflung an ebensolchen Systemen. Sei es direkt an die Realität gerichtet wie in den Liedern von System of a Down oder durch dystopische Erzählungen und Allegorien wie in Die Tribute von Panem oder Orwells 1984. Wie oft haben wir nicht schon von Welten gelesen, die uns in ihren Ungerechtigkeiten einen Spiegel vorhalten und den Traum verkörpern, diese überkommen zu können. Schnell kommt dabei ein Bild zustande, dass sich nach ursprünglicheren Zeiten sehnt, in denen die Verhältnisse einfacher, naturverbundener und gerechter waren. Etwas plump, aber eindrücklich findet man diese Denkhaltung im Film Avatar aus dem Jahr 2009 wieder. Die ursprünglichere Welt und damit in gewisser Weise auch unsere Vergangenheit wird verkörpert von den Ureinwohnern des Planetens Pandora, die im Einklang mit der Umwelt und ihren Lebewesen leben. Im Kontrast dazu stehen die Menschen der Erde, die den Planeten ausbeuten wollen, ohne Rücksicht auf irgendeine Art Schaden, den sie dabei anrichten könnten.

Agent Smith entzieht in dem zehn Jahre zuvor erschienenen Film „Matrix“ den Menschen ihre Klassifikation als Säugetiere und damit ihr Dasein als natürlicher und angestammter Bestandteil dieses Planeten. Seiner Meinung nach seien Menschen ein Virus, eine Krankheit. Liest man sich Kommentare zu dieser Szene auf YouTube durch, findet man überwiegend Zustimmung zu dieser Ansicht.

This scene has aged like priceless wine. It’s just — over 20 years later… this is exponentially more powerful than it was. And it is the truth.

YouTube Kommentar unter Agent Smith‘ Monolog

In der Serie „Good Omens“ (2019) gibt es eine Szene, die zur Zeit der französischen Revolution spielt. In dieser fällt der Satz „Animals don’t kill each other with clever machines, Angel. Only humans do that.“ Allerdings möchte ich dagegenhalten: „Animals don’t keep each other alive with clever machines, Angel. Only humans do that“. Beide Sätze sind wahr, allerdings scheint der sich auf das Töten fokussierende deutlich mehr Gewicht zu haben.

Ja, wir sind zu furchtbaren Taten fähig. Aber genauso sind wir es auch, die für so viel Gutes in der Welt sorgen.

Nach den Verbrechen der NS-Zeit kam die Menschheit zusammen und einigte sich auf bedingungslose Menschenrechte. Die Europäische Union entstand aus einer Idee und einer Vision der Gemeinschaft heraus. Das gemeinsame Bekämpfen der Corona-Pandemie und die Rücksichtnahme auf andere. Der Kampf gegen den Klimawandel. Auch das ist alles 100% menschlich.

Unser Fokus liegt aber so gut wie nie darauf. Vielmehr noch, oftmals nehmen wir gute Nachrichten eher als neutral oder teilweise sogar negativ wahr. Dass beispielsweise Deutschland eine Vorreiterrolle in der Wasserstofftechnik sichern will, ist eine gute Nachricht. Auch die Anti-Rassismus Prosteste sind eine gute Nachricht. Es ist furchtbar, dass sie überhaupt notwendig sind, aber es zeigt doch, dass Menschen etwas Besseres für sich und ihre Mitbürger*innen wollen. Es zeigt unsere Empathiefähigkeit und Liebe gegenüber dem, was uns wichtig ist.

Jede Gegenbewegung, die sich gegen das, was wir als schlecht bezeichnen, richtet, ist von Menschen gemacht. Sei es Amnesty International, Brot für die Welt, Plan, Aktion gegen den Hunger oder eine der weiteren unzähligen Organisationen. Nur, weil diejenigen, die für eine bessere Welt kämpfen, nicht in Machtpositionen sitzen oder weniger Mittel zur Verfügung haben, sollen wir die gesamte Menschheit verurteilen?

Das Kinder-Musical „Der kleine Tag“ illustriert unsere Blindheit gegenüber unseren positiven Seiten ausgesprochen gut.

Die Tage haben im Himmel eine Rangordnung, welche der größte und wichtigste von ihnen sei. Als der Tag des kleinen Tags anbricht, erlebt er sehr viele sehr alltägliche Dinge. Am Ende kommt er zurück zu den anderen Tagen und erzählt beeindruckt und überglücklich von dem Erlebten. Die anderen Tage lachen ihn aus, er sei wohl der langweiligste Tag aller Zeiten gewesen. Er wird nach ganz hinten verbannt. Ein Jahr später, als ein neuer Tag zurückkehrt, erzählt dieser, dass die Menschen überall gefeiert hätten. Denn vor exakt einem Jahr ist nichts Schlimmes passiert. Aber das ist den Menschen zunächst gar nicht aufgefallen. So bekommt der kleine Tag doch noch einen Platz zwischen den bedeutensten Tagen aller Zeiten.

Unsere Sehnsucht nach vergangenen, angeblich besseren, Zeiten ist trügerisch. Jede Zeit war geprägt von Schwierigkeit und Ungerechtigkeiten. Wir haben nur das Glück, dass wir sie im Nachhinein verklären und romantisieren können.

Wir Menschen sind nicht fehlerfrei. Wir haben in den Jahren unserer Entwicklung keine perfekte Welt geschaffen. Vieles von dem, was unser Dasein prägt, ist mehr als ungerecht. Es ist grausam und entsetzlich. Aber das ist nicht alles, was wir sind. Erst, wenn wir unsere positiven menschlichen Eigenschaften wirklich erkennen, können wir eine Welt schaffen, in der diese auch dominieren. Woher sollen wir sonst wissen, wonach wir streben sollen?

Schreibe einen Kommentar