Ist das Kunst oder kann das weg?

Die Frage „Ist das Kunst oder kann das weg?“ wird oft scherzhaft angebracht, wenn ein (sogenanntes) Kunstwerk kaum noch als solches wirklich erkennbar ist. Ihr Ursprung rührt wahrscheinlich von einer Reihe von Vorfällen, bei denen Reinigungskräfte aus Versehen teure Kunstwerke zerstörten. Die höhere Bedeutung dieser modernen Kunstinstallationen schien ihnen entgangen zu sein.

Das wirft die Frage auf, was es ist, das uns Kunst als solche verstehen lässt.

Fragt man 100 Menschen, was Kunst ist, so bekommt man höchstwahrscheinlich 100 verschiedene Antworten darauf, wenn nicht sogar mehr. Einigkeit darüber, was Kunst ist oder was man als solche wertschätzen kann, soll oder muss, wird man kaum erreichen. Der Duden definiert Kunst als „schöpferisches Gestalten aus den verschiedensten Materialien oder mit den Mitteln der Sprache, der Töne in Auseinandersetzung mit Natur und Welt“. Sind also meine kleinen Strichmännchen auch Kunst? Muss Kunst an sich immer einen Zweck haben, sich immer mit „Natur und Welt“ auseinandersetzen, um sich Kunst nennen zu dürfen?

Vielleicht sollte ich im Vorfeld anmerken, dass ich keineswegs ein Experte bin, was Kunst und deren Beurteilung oder Bewertung angeht. Ich habe keine große Ahnung von Kunstgeschichte oder bedeutenden Entwicklungen, die sich im Laufe der Jahrhunderte vollzogen haben. Aber ich bin der Meinung, dass die Diskussion um die Künste jedem zugänglich sein sollte, da sie etwas zutiefst menschliches und subjektives ist und die Validität der eigenen Wahrnehmung nicht darüber bestimmt werden sollte, ob man ein Experte für Kunst ist oder nicht.

Ein erster Ansatzpunkt bei meiner persönlichen Suche nach der „wahren“ Kunst ist die Ästhetik. Man könnte argumentieren, dass sie existiert, um Schönheiten Ausdruck zu verleihen, sie festzuhalten und anderen zugänglich zu machen. Es wird wohl kaum jemand bestreiten, dass die Mona Lisa Kunst ist. Aber natürlich liegt Ästhetik im Auge des Betrachters. Gerade bei moderneren, abstrakteren Kunstwerken werden sich einige Stimmen finden, die der festen Überzeugung sind, dass es sich um kaum mehr als Kindergartenmalerei handelt, während wieder andere sie als absolute Geniestreiche empfinden.

Könnte man über die tatsächliche Handwerkskunst definieren, was Kunst ist? Sicherlich muss doch hineinzählen, wie viel Arbeit und Aufwand hinter einem Werk steckt. Wird eine Schöpfung umso mehr Kunst, je schwieriger der Prozess ihrer Herstellung wird? Auch dieser Ansatz stößt wahrscheinlich schnell an seine Grenzen. Denn selbst simpelste Konstruktionen können durchaus als Kunstwerke gelten.

Eine Aussage, die mein Verständnis von Kunst deutlich erweitert hat, stammt aus der Serie „Tatortreiniger“. Eine der Folgen spielt in einer Galerie. Der Protagonist, ein recht unbedarfter, mittelalter Mann, steht gemeinsam mit der Kuratorin der Ausstellung vor einem der Kunstwerke. Es ist ein enormer 5 Euro-Schein, der aus etlichen realen Euro-Scheinen wie ein Mosaik zusammengesetzt wurde, deren Materialwert allein sich auf 120 000€ beläuft. Er echauffiert sich darüber, wie man so etwas als Kunst verkaufen könne, wo andere doch kaum genug zum Leben hätten. Er redet sich regelrecht in Rage.  Es sei eine „Beleidigung für alle, für die fünf Euro noch ein echter Wert sind“. Auf die Frage, warum er nicht einfach Falschgeld genommen hat, erwidert die Kuratorin: „Hätte sie das in irgendeiner Weise aufgeregt?“.

Eine objektive Zusammenstellung von Regeln zu finden, was als Kunst bezeichnet werden darf und was diesen Titel nicht verdient, ist meiner Meinung nach hinfällig. Denn im Kern ist Kunst, wie oben schon angemerkt, höchst subjektiv, sie entzieht sich einer wirklich objektiven Beurteilung.

Kunst ist dafür da, Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Ideen und Überzeugungen sich entfalten zu lassen. Was als Idee oder Überzeugung zählt, hängt eben nicht davon ab, ob eine breite Masse oder eine prätentiös wirkende Kunstelite dem zustimmt oder nicht. Es geht lediglich darum, dass der Künstler von ihr überzeugt ist.

Gerade die daraus resultierende Vielfältigkeit ist einer der zentralen Punkte, die Kunst ausmacht. Kunst kann provozieren, beruhigen, erklären, Aufmerksamkeit lenken, erheitern oder auch einfach nichts von alledem tun, sondern einfach nur für sich existieren.

Kunst muss sich nicht rechtfertigen. Wir als Rezipienten müssen uns allerdings auch nicht vor der Kunst rechtfertigen. Nicht alles, was irgendjemand mal als Kunst deklariert hat, muss für uns zwangsläufig auch als solche gelten. Nur, weil wir den tieferen Sinn mancher künstlerischer Auswüchse nicht verstehen, heißt das nicht, dass wir im Allgemeinen nicht intellektuell genug sind, um Kunst zu verstehen.

Kunst geht aber über die persönliche Entfaltung des Künstlers weit hinaus. Gesellschaftlich erfüllt sie die Aufgabe der Auseinandersetzung mit Geschichte, Zeitgeist und auch die Kritikübung am Status Quo.

Ein Kunstwerk, an das ich dabei insbesondere denke, ist das Bild „These enhanced techniques von Jenny Holzer, dem ich im Sprengel Museum begegnet bin. In gewisser Weise unterstreicht meine Faszination für dieses Bild den Punkt, dass sich Kunst nicht auf Ästhetik und Handwerkskunst reduzieren lässt. „These enhanced techniques“ ist einem geschwärzten Dokument nachempfunden, auf dem nur noch die Worte „These enhanced techniques include“ und einen geschwärzten Absatz später „Waterboard“ lesbar sind. Etwas an diesem Bild traf für ich komplett ins Schwarze und ist eines der beeindruckendsten Bilder meines Besuchs gewesen.

In diesem Sinne richtet sich Kunst auch an denjenigen, der vor ihr steht. Man könnte Kunst in dem Sinne als indirekte, übermittelte Kommunikation zwischen Künstler und Rezipient verstehen. Und Kommunikation kann eben auch scheitern.

Man könnte sich an dieser Stelle noch ausschweifend darüber auslassen, ob der Kunstmarkt mit seinen horrenden Preisen gerechtfertigt ist, ob manche Kunst den Kontakt zur Realität verloren hat oder nicht. Hier nur so viel dazu: Kunst sollte von allen für alle da sein und nicht nur für einen reichen Gesellschaftsteil, der sich als Elite aus exzentrischen Künstlern und intellektuell überlegenen Käufern versteht. Letztendlich können wir alle uns für Kunst begeistern, deren hintergründige Idee und Überzeugung wir verstehen und die etwas in uns auslöst, die uns berührt oder bewegt.  Der Anspruch an die Allgemeinheit, in Fettflecken und dreckigen Badewannen großartige und unschätzbar wertvolle Kunstwerke zu sehen, entfernt Kunst aus der Mitte unserer Gesellschaft und damit von dem Punkt, wo sie meiner Meinung nach eigentlich hingehören sollte.

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