„I‘m not like other girls“ – Ich bin nicht wie andere Mädchen

Schließlich bin ich cool, ich bin einer von den Kumpels. Kein Schicki-Micki oberflächliches Zickengetue. Drama und Spielchen? Nicht bei mir! Bücher, kein Make-Up, individuell, nicht Mainstream.

So oder so ähnlich ging es wohl in meinem Kopf zu als ich etwa sechzehn, siebzehn Jahre alt war. Ich wollte nicht sein „wie alle anderen“, denn ich wusste ja genau wie sie waren. Denn so war es doch immer in Filmen und Serien: Man selbst ist die liebenswürdige, aber nicht populäre Außenseiterin, das Cool-Girl, der Tom Boy. Alle anderen waren nur irgendwelche Mädchen, die nichts anderes im Kopf hatten, als Make-Up, Jungs und sonstige Oberflächlichkeiten. Warum sollten die beliebten Leute in meiner Schule also auch nur einen Deut anders sein?

Es hat einiges an Zeit und Erfahrung gebraucht, bis ich diese einschränkenden Ideen losgeworden bin.

Angefangen hat wohl alles mit einer Freundin von mir, die ich in der Oberstufe kennenlernte. Sie war äußerlich so ziemlich komplette Gegenteil von mir: recht groß, offene, volle Haare und immer stylisch angezogen, geschminkt und erwachsen. Ich dagegen trug meistens irgendein Bandshirt, welches auf jeden Fall mindestens ein bisschen schwarz sein musste, war ungeschminkt und meine Haare hatten wohl alles, aber keine Idee davon, wie sie zur Geltung kommen könnten. Aber dafür interessierte ich mich ja nicht, das wäre ja viel zu oberflächlich gewesen. Trotz dieser ersten Unterschiede lernten wir uns besser kennen. Zu dieser Zeit hatte ich ein Profilbild bei Whats App, das meine damalige Einstellung gegenüber meinem eigenen Geschlecht so ziemlich auf den Punkt brachte: Eine Reihe gleichaussehender „Tussis“, die sich schminkten, unterbrochen nur von einem Mädchen, das las und auf dessen Stirn „Error“ stand. Rückblickend bin ich nicht besonders stolz darauf. Ein paar Wochen, nachdem wir uns kennengelernt hatten, fragte diese Freundin mich, ob ich sie als eine dieser sich schminkenden Mädchen auf meinem Profilbild sehen würde. Mehr automatisch als aufrichtig sagte ich „Nein, natürlich nicht“. Denn eigentlich sah ich alle, die mehr als ich auf ihr äußeres achteten als solche an. Aber diese Frage brachte mich zum Nachdenken. Warum sah ich sie so? Wieso sah ich sie nicht, wie sie sich ja offenbar sah? Ich war so festgefahren in meiner „Cool Girl“ Welt, dass ich mir diese Fragen ernsthaft nicht beantworten konnte. Je länger ich mit ihr befreundet war, umso mehr fielen meine alten Sichtweisen in sich zusammen. Immer mehr wurde mir klar, dass ich, in meiner Anstrengung, bloß nicht oberflächlich zu sein, alle verurteilte, die nach außen hin nicht so wirkten wie ich.

Einige Jahre später nahm ich die Stereotype, die meine Blicke gelenkt hatten, genauer unter die Lupe. Ideen wie das „Cool Girl“ oder das „Manic Pixie Dream Girl“, die so beliebt in unserer Popkultur sind – letztendlich sind all diese Charaktertypen mehr oder weniger eindimensionale Rollen, die zwar in der Geschichte, in der sie mitspielen funktionieren. Für eine reale Welt sind sie letztlich jedoch völlig ungeeignet. Aber gerade junge Mädchen nehmen sich diese zum Vorbild und verengen das, was sie sein können und wie sie andere Menschen sehen, auf eben jene Ideen, die zu allem Überfluss meistens auch noch aus männlichen Gehirnen stammen.

In so vielen Geschichten sprechen Stereotype Rollen allen Frauen, die nicht in diese Klassen fallen, jegliche Individualität ab und sorgen im Umkehrschluss ebenfalls dafür, dass man sich selbst in ein Korsett zwängt, das nicht für eine reale Person gemacht wurde.

Durch die Adaption solcher Vorstellungen schließen wir viele großartige Menschen aus unserem Leben aus, lediglich, weil sie nicht in die flachen Muster passen, die wir für uns auserkoren haben.

Jeder Mensch hat individuelle Probleme, individuelle Interessen und individuelle Träume. Das ist es, was uns zum Menschen macht.

Stellt euch eine Welt vor, in der es selbstverständlich ist, dass wir jedem Menschen dieselbe Komplexität und denselben Reichtum an Erfahrungen und Tiefe zuschreiben wie uns selbst. In der wir Verständnis dafür zeigen, wenn jemand einen schlechten Tag hat, weil wir wissen, dass wir genau in derselben Situation sein könnten.  In der wir wissen, dass wir Verständnis und Liebe von anderen bekommen können, ganz besonders auch von Menschen, von denen wir es vielleicht nicht erwarten würden.

Wäre das nicht wunderbar?

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